BBK-Nachlese: Najko Jahn über Publikationslisten als hochschulweiter Dienst

Vor gut einer Woche, am 24. November 2009, war Najko Jahn von der UB Bielefeld  im Berliner Bibliothekswissenschaftlichen Kolloquium (BBK) als Referent zu Gast. Ich hatte denVortrag des IBI-Alumnus zu „Persönliche Publikationslisten als hochschulweiter Dienst – Theorie und Praxis“ bereits mit Vorfreude angekündigt. Nun komme ich endlich dazu davon zu berichten.

Der Vortragstitel verrät es schon, das Thema sollte einerseits theoretisch, andererseits praktisch abgehandelt werden. Die Theorie nahm in Najkos Referat einen breiten Raum ein. Diese hatte er, so stellte sich in der Diskussion heraus, extra für das BBK erarbeitet. Im Mittelpunkt der theoretischen Überlegungen standen „Werteinflüsse in den Wissenschaften“. Vor dem Hintergrund der Wissenschaftstheoretikerin Helen Longino und ihrem 1990 erschienenen Buch Science as Social Knowledge: Values and Objectivity in Scientific Inquiry, ging der Referent ausführlich der Frage nach, inwieweit gesellschaftliche Werte wissenschaftliche Theorien bedingen (constitutive values vs. contextual values). In Vertretung der These, dass Werte nicht inkompatibel mit Objektivität  und der Vorannahme, dass wissenschaftliches Wissen auch gleich soziales Wissen sei, spannte Najko den Bogen von einem beispielhaften Überblick zu sozialen Einflüssen in der bzw. auf die Wissenschaft (z.B. Kollaborationen / finanzielle Abhängigkeit durch Forschungsförderung) bis zu konkreten Kriterien der Scientific Community (Anerkannte Ausgangspunkte der Kritik (Peer Review), geteilte Standards, Rückmeldungen der wissenschaftlichen Gemeinschaft, Gleichheit bei der Zuschreibung geistiger Autoritätsansprüche etc.) und Verhaltensregeln im wissenschaftlichen Publikationswesen, vor allem mit Blick auf  Zitationen. Daraufhin fragte der Vortragende in Verweis auf die OA-Bewegung und der Kritik am klassischen Peer Review:  Erfüllt das wissenschaftliche Publikationssystem die angedachte objektivitätssichernden Kriterien der Wissenschaften?

Spätestens mit dieser Frage, war es aus meiner Sicht immer noch nicht deutlich geworden, auf welche Reise der Referent das Auditorium mitnehmen wollte, hieß das Vortragsthema doch völlig anders. Es war spannend Najkos wissenschaftstheoretischen Ausführungen zu lauschen, aber es war im ersten Teil sehr schwer ihm im Bezug auf das Ausgangsthema „Publikationslisten“  zu folgen.  Letztendlich schuf Najko eine Brücke, indem er die Renommee-Funktion der persönlichen Publikationsliste zur Sprache brachte.

Damit wurde (endlich) der zweite, themennahere Teil des Vortrags eingeläutet. Am Beispiel des Projektes Persönliche Publikationslisten als hochschulweiter Dienst (PubLister) an der UB Bielefeld wurden die individuellen, die institutuionspezifischen sowie die disziplinspezifischen Anforderungen an Publikationslisten im institutionellen Rahmen thematisiert. Hier zählen u.a. zentrales Management und Abstimmung auf struktureller Ebene, Richtlinien im Umgang mit dem Publikationswerkzeug mit dem Anspruch vielfältige Zitierstile und Publikationskulturen aufzufangen und der Bereitstellung von Mehrwerten für die publizierenden Wissenschaftler. Diese und weitere Anforderungen können laut Najko Jahn ausschließlich auf Grundlage einer webbasierten Infrastruktur erfolgen. Die Schlagwörter sind hier:  Vernetzung, Standardisierung, Interoperabibilität (Im- und Exporte über Schnittstellen), Primär- und Sekundärdatenspeicherung, Barrierefreiheit, Rechtemanagement, Versionierung, Weiterverarbeitung, Veröffentlichung, Einbeziehung institutioneller Dienste.  Ziel sei es, so wurde bei der Vorstellung der Arbeitspakete im Projekt deutlich, dass die wichtigsten Arbeitsschritte in der Erstellung der Publikationslisten zu automatisieren um alle Beteiligten so gut es geht Mehrarbeit zu ersparen. Hier gilt es jedoch einige Hürden bzw. Probleme zu überwinden, müssen doch die bibliographischen Daten erst eingesammelt und strukturiert werden. Die institutionellen Interessen liegen bei der Aussicht auf Optimierung des Forschungsberichtswesens auf der Hand. In der Diskussion wurde jedoch nochmal darauf hingewiesen, dass vor allem bei den WissenschaftlerInnen, die zwar auch institutionell eingebunden, aber insbesondere der jew.  scientific community und ihren Eigenheiten verpflichtet sind, gilt es Überzeugungsarbeit im Sinne einer aktiven Beteiligung an einer zentralen Publikationsdatenbank zu leisten.

Najkos Vortrag war höchst interessant. Leider musste aus zeitlichen Gründen das Praxisbeispiel bzw. die Vorstellung erster konkreter Ergebnisse von PubLister anhand der Publikationsliste eines Sonderforschungsbereiches, unter den Tisch fallen. In diesem Sinne waren Theorie und Praxis nicht ausgewogen gewichtet. Daher war ich etwas enttäuscht, diese verflog aber, als ich von Najko den Preprint seines Journalartikels zu PubLister zugesandt bekam.

Auf jeden Fall wurde deutlich, dass dieses Thema höchst aktuell ist und eine intensivere Beschäftigung  sich lohnt.  Bielefeld steht ja nicht damit allein, viele andere Hochschulen so auch die Humboldt-Universität, arbeiten ebenso an der Einrichtung und Ausbau zentraler Publikationsverzeichnisse, seien Sie nun Hochschulbibliographie oder Publikationsdatenbank genannt…

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