Das System der Sondersammelgebiete auf dem Prüfstand

Im Rahmen der Vorbereitung meiner Abschlussklausur im Magisterteilstudiengang Bibliothekswissenschaft am IBI, welche ich am kommenden Freitag zu schreiben habe, beschäftige ich mich derzeit unter anderem intensiv mit dem System der überregionalen Literaturversorgung und den damit verbundenen Informationsdienstleistungen. Der Fokus liegt auf dem Konzept und Mehrwerte der Virtuellen Fachbibliotheken (ViFas) sowie auf der (zukünftigen) Rolle von vascoda in diesem Gebilde.

Das Thema ist nicht nur angesichts der im Mai angekündigten Neuausrichtung der Aufgaben und Kompetenzen von vascoda, was de facto das Ende des Wissenschaftsportals als Metasucheinstieg bedeutet, spannend und höchst aktuell. Gegenwärtig ist das gesamte System der Sondersammelgiebiete im Begriff evaluiert zu werden. Anfang Juni wurden die von einer Expertenkommission erarbeiteten Eckpunkte der Evaluation veröffentlicht.[1] Die Evaluation, welche an einen externen Dienstleister (wer?) vergeben wurde und laut Zeitplan Anfang Februar 2011 abgeschlossen sein soll, ist eine kombinierte empirische Studie hinsichtlich der „Untersuchung der Funktions- und Leistungsfähigkeit der verteilten Beschaffung spezialisierter Forschungsliteratur im Rahmen der Sondersammelgebietesowie einer „komplementären Untersuchung des  Bedarfs und der Erwartungen der Wissenschaft an ein System der überregionalen Literatur- und Informationsversorgung“.[2] Abgesehen von der Rezeption des skizzierten Evaluationsvorhabens eignet sich das Papier meiner Meinung nach hervorragend, um einen Überblick zu den Grundprinzipien und gegenwärtigen Stand des SSG-Systems zu bekommen. Im ersten Teil werden diese Aspekte leicht verständlich, anschaulich dargestellt.

Es sind bereits einige Jahre ins Land gegangen sind, seitdem mit dem DFG-Positionspapier die „Schwerpunkte der Förderung der wissenschaftlichen Informations- und Literaturversorgung bis 2015“[3] festgelegt wurden. Es war und ist das Ziel in einem 17 Maßnahmen umfassenden Aktionsplan, die „Implementierung einer integrierten digitalen Umgebung für die wissenschaftliche Informationsversorgung aller Disziplinen und Fächer“[4] zu erreichen. (Vascoda, wurde hier noch „als Keimzelle einer von Bibliotheken und Fachinformationssystemen gemeinsam getragenen „Digitalen Bibliothek Deutschland“ [und] eine wichtige Grundlage für den Aufbau eines integrierten Gesamtsystems der nationalen Informationsbereitstellung“[5] bezeichnet.)

Rolf Griebel, Generaldirektor der bayerischen Staatsbibliothek und ehemaliges Mitglied des DFG-Ausschusses für wissenschaftliche Bibliotheken und Informationssysteme (AWBI) hat in der Ausgabe 2/2010 der ZfBB eine Zwischenbilanz der bisherigen Umsetzung der Schwerpunktförderung mit dem Fokus auf SSG-Entwicklung, Digitalisierung und Nationallizenzen gezogen.[6] Im Bezug auf vascoda unterstreicht Griebel die DFG-Position zum – Ende 2009 vorgelegten – Zukunftskonzept vascoda2010, in der Bedarf und Mehrwert des Rechercheportals (Säule 1) aufgrund von geringer Nutzerresonanz infrage gestellt wurden. Ebenso die Wahrnehmung der Aufgabe der internationalen Kooperationstätigkeit (Säule 3) wurde durch Zweifel an der tatsächlichen Substanz abgelehnt. Die Transfer- und Unterstützungsfunktionen der SSG-Bibliotheken und ViFa-Beteiligten  (Säule 2) hielt man noch für am ehesten tragfähig.[7]

Griebel führt aus, dass die notwendige Restrukturierung der ViFas vor dem Hintergrund der starken Parzellierung der Sondersammelgebiete, nicht losgelöst von vascoda betrachten ist. Die in einem unabhängigen Gutachten zu Stand und Nutzung virtueller Fachbibliotheken (2007)[8] aufgedeckten Defizite können nur durch verstärkten Ressourceneinsatz erfolgen, was widerum – so Griebel – ein intensiveres förderpolitisches Engagement der DFG voraussetzt.

Letztendlich ist offen, inwieweit das derzeitige Fördersystem wirklich Zukunft hat und den Anspruch der Nachhaltigkeit gerecht wird, wenn es nach (verlängertem) Ablauf des Förderungszeitraums sehr schwer ist, Existenz und Dienstleistungsniveau der ViFas inkl. vascoda zu bewahren. Insofern ist es offensichtlich höchste Zeit, dass das System der überregionalen Literaturversorgung auf Herz und Nieren geprüft wird. Die Trägereinrichtungen sind hier meiner Meinung nach mehr denn je in der Pflicht, sich zu ihren Bibliotheken und deren Informationsdienstleistungen zu bekennen. Ich habe nämlich das Gefühl, dass die SSG-Evaluation ebenso Strahlkraft bzgl. der Rolle der Bibliotheken im Wissenschaftsbetrieb insgesamt haben wird…


[1] Deutsche Forschungsgemeinschaft – Expertenkommission SSG-Evaluation (2010). Evaluierung des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Systems der Sondersammelgebiete. Eckpunkte der Evaluierung. hervorgegangen aus der Sitzung der Expertenkommission SSG-Evaluation am 10. März 2010 in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt, Bonn: Deutsche Forschungsgemeinschaft. URL: http://www.dfg.de/download/pdf/foerderung/programme/lis/eckpunkte_ssg_evaluation.pdf [Zuletzt geprüft am 17.09.2010].

[2] Vgl. ebd., S. 10-16.

[3] Deutsche Forschungsgemeinschaft (2006). DFG-Positionspapier: Wissenschaftliche Literaturversorgungs- und Informationssysteme. Schwerpunkte der Förderung bis 2015. Erarbeitet im Rahmen der Klausurtagung des DFG-Ausschusses für Wissenschaftliche Bibliotheken und Informationssysteme am 11. und 12. Oktober 2005, beschlossen am 29.05.2006, Bonn: Deutsche Forschungsgemeinschaft. URL: http://www.dfg.de/download/pdf/foerderung/programme/lis/positionspapier.pdf [Zuletzt geprüft am 17.09.2010].

[4] Vgl. ebd., S. 8.

[5] Vgl. ebd., S. 5.

[6] Griebel, R. (2010). Die Förderung der wissenschaftlichen Informationsinfrastruktur durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Zwischenbilanz zum DFG-Positionspapier “ Wissenschaftliche Literaturversorgungs- und Informationssysteme. Schwerpunkte der Förderung bis 2015″. Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie (57), Nr. 2, S. 71–86. Derselbe Autor hat bereits in einem Festschriftbeitrag den Wandel der SSG-Förderung seit dem DFG-Memorandum von 1998 beschrieben: Griebel, R. (2008). Das DFG geförderte System der überregionalen Literaturversorgung im Wandel. In Raffelt, A. (Hrsg.), Die Bibliothek – von außen und von innen, Freiburg im Breisgau: Univ.-Bibliothek, S. 27–45. URL: http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/5000/ [Zuletzt geprüft am 17.09.2010].

[7] Vgl. Griebel2010, S. 73ff.

[8] Heinhold, E. F. (2007). Virtuelle Fachbibliotheken im System der überregionalen Literatur- und Informationsversorgung. Studie zu Angebot und Nutzung der Virtuellen Fachbibliotheken, Hamburg. URL: http://www.zbw.eu/ueber_uns/projekte/vifasys/gutachten_vifasys_2007_3_5.pdf [Zuletzt geprüft am 18.09.2010].

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