Matti Stöhr

Mein Weg in der Welt der Bibliothekswissenschaft, der Geschichte und mehr…

Kombinierte Systeme – Eine Ergänzung der Typologie von Literaturverwaltungssoftware nach Thomas Stöber und Astrid Teichert

Die  Augsburger Bibliothekare Astrid Teichert und Thomas Stöber haben vor anderthalb Jahren eine Typologie von Literaturverwaltungssystemen publiziert, welche auf die unterschiedliche „Arbeits­philosophie“ der Programme abzielt.[1] Dementsprechend wird zwischen „lokalen, geschlossenen“, „webbasierten, halboffenen“ und  „webbasierten, offenen“ Systemen unterschieden. Die beiden Autoren haben gleichzeitig treffend auf die – bis heute ungebrochene – Dynamik des Marktes und des damit einhergehenden Wachstums an Anwendungsmöglichkeiten hingewiesen. Sie zeigen auf, dass die Softwareentwickler die Kernprinzipien der unterschiedlichen Typen sukzessive miteinander verschmelzen.[2] Damit gewinnen Funktio­nalität und Flexibilität entsprechender Produkte in Kombination klassischer Softwareeigen­schaften und Innovationen des Web2.0, an zusätzliche Quantität sowie – nicht zuletzt im Bezug auf die Benutzerfreundlichkeit – an Qualität. Zur anschaulicheren Porträtierung und Einschätzung des Spektrums an Applikationen, sei daher diese im Prinzip immer noch gültige, aber bereits von den Urhebern relativierte Kategorisierung, aufgegriffen und um den Typus „Kombinierte Systeme“ erweitert.

Jeder Typus –  geschlossen, halboffen oder offen – hat seine Stärken. Es ist ein konsequenter Schritt der Entwickler, diese zu verbinden und damit dem Endnutzer deutliche Mehrwerte zu bieten.

Desktopsysteme sind durch teils jahrzehntelange Entwicklungsarbeit, sehr leistungsfähige und zuverlässige Begleiter in der Tätigkeit der persönlichen Literaturverwaltung. In der Kernfunktionalität des Sammelns, Organisierens und – mit Blick auf zu schreibende Texte – des Verarbeitens von Literaturreferenzen inkl. Zitaten und Notizen, haben die Einzelplatzlösungen einen breiten, ausgereiften Funktionsumfang. Sie haben insbesondere in der Zusammenarbeit mit Textverarbeitungsprogrammen (Ein Stichwort: Thomson Reuters’ patentierte „CiteWhileYouWrite“-Funktionalität für Endnote, Reference Manager und ProCite) große Vorteile. Nicht zu vernachlässigen ist außerdem, dass die Desktopprogramme, vor allem die kommerziellen mit dem Angebot attraktiver Lizenzmodelle für Hochschulen, als Standardlösungen weit verbreitet sind und Nutzer­gewohnheiten stark geprägt haben. Webbasierte (halb-)offene Literaturverwaltungssysteme bestechen hingegen durch ihre Flexi­bilität und Innovativität. Betriebssystem- und plattformunabhängig können in diesen Diensten Literaturdaten dort gesammelt und verwaltet werden, wo auch die Recherche stattfindet – direkt im Netz. Zahlreiche zusätzliche Recherche-, Benachrichtigungs-, Datenübertragungs- und Kollaborationsfunktionalitäten bereichern die Tätigkeit der  Literaturverwaltung.

Die erste mir bekannte Umsetzung einer Kombination von Web- und Desktopsoftware erfolgte für das genuin webbasierte Literaturverwaltungsprogramm RefWorks: Mit „Write-N-Cite“ ist seit dem Jahr 2005 eine Zusatzapplikation für die Speicherung und Offline-Bearbeitung von RefWorks-Datenbanken auf lokalen Rechnern sowie zur Übernahme von Literaturangaben für die Zitierarbeit in Microsofts Word verfügbar.[3] Inzwischen ist das „abgespeckte RefWorks“ in der dritten Version erhältlich.

Bereits vor 2005 konnten ältere Versionen von EndNote – nach Erwerbung einer entsprechenden Lizenz – für die Nutzung des Desktopprogramms in einem Netzwerk installiert werden. Allerdings war und ist kein echter Mehr-Benutzer-Modus gegeben, so dass es nicht möglich ist, eine Datenbank gleichzeitig zu editieren.[4] Erweiterte Funktionen im Sinne eines echten standortunabhängigen, kollaborativ nutzbaren Literaturverwaltungs-systems, liefert seit 2007 EndNote Web. Wenn man also beide Systeme erwarb und parallel benutzte, kann man bereits seit drei Jahren von den Vorteilen des einen wie des anderen profitieren.[5] Ein direkter Datenabgleich zwischen EndNote und EndNote Web war vorerst jedoch nicht möglich. Man musste sich mit dem Dateiexport und -import nach dem EndNote-Standardformat begnügen. Erst in die (derzeit aktuellen) Version EndNote X3, veröffentlicht im August 2009, wurde eine Synchronisations­funktionalität implementiert.[6]

Das erste genuin als kombiniertes System konzipierte Literaturverwaltungsprogramm existiert mit dem „Initial Beta-Release“ von Mendeley[7] seit August 2008. Das Produkt wird vom einem halben Jahr zuvor gegründeten Londoner Startup-Unternehmen Mendeley Ltd. entwickelt. Dessen kreativer wie finanzieller Hintergrund steht vor allem in Verbindung mit der Musikcommunity­plattform Last.FM und deren verantwortliche Personen.[8] Die Entwickler um die deutschen Firmengründer Victor Henning, Jan Reichelt und Paul Foeckler verfolgen mit Mendeley das Ziel, nach dem Vorbild von iTunes und insbesondere Last.FM, unter Wissenschaftlern einen integrierenden Desktop- und Webdienst nach dem Motto „Organize research, collaborate, and discover new Knowledge“[9] zu etablieren. Dieser ist kostenfrei, jedoch unter proprietärer Lizenz und befindet sich derzeit noch im Betastadium (Stand Mai 2010 – Version 0.9.6.3). Unter diesen Gegebenheiten ist es noch offen, wie sich Funktionen und Nutzungs- und damit auch mögliche Bezahlmodalitäten entwickeln werden. Aus bibliothekarischer Sicht wurden diesbezüglich bereits einige kritische Anmerkungen laut.[10] Dennoch erhält die Software seit Veröffentlichung aufgrund des visionär und revolutionär angesehenen Konzeptes, mehrheitlich positiven Nutzungs­zuspruch, mediale Aufmerksam­keit und wurde bereits mit Preisen ausgezeichnet.[11] Gegenüber Konkurrenz­produkten aus dem Einzelplatzsektor ist die Mendeley-Desktop­software von Mendeley deshalb attraktiv, weil diese standardmäßig sowohl auf Windows-, als auch auf Mac OS X- und Linux-Systemen lauffähig ist.[12] So wird eine sehr breite Nutzerklientel berücksichtigt. Mendeley Desktop ist vor allem, die bewährten Funktionen etablierter Desktoplösungen aufgreifend, auf die effektive Organisation von bibliographischen Daten und Zitaten zugeschnitten.[13] Dabei stellt die integrierte Arbeit mit PDF-Volltexten eine Kernkomponente dar. Es können neben einer dokumentübergreifenden Volltextsuche nicht nur die Metadaten automatisch extrahiert, sondern auch mit einem extra implementierten Viewer, Markierungen und Kommentare vorgenommen sowie Textauszüge weiterverarbeitet werden. Für die Erstellung von Literaturlisten und Überführung von Literaturzitaten in Textverarbeitungs­programme, werden unzählige Zitierstile sowie ent­sprech­­en­de Plugins für Microsoft Word und Open Office angeboten. Sofern man einen Mendeley-Webaccount besitzt, also auch Mendeley Web benutzt, kann man mittels einer Schnittstelle seine Literatursammlungen zwischen den beiden Softwareteilen synchronisieren bzw. sichern.[14] Es ist dadurch genauso möglich, veröffentlichten Literaturlisten anderer Mendeley-Nutzer zu folgen. Nicht nur diesbezüglich sind in Mendeley Web den aktuellen Standards entsprechend, die gängigen Features sozialer Software integriert. Neben obligatorischen Profilseiten[15] mit den üblichen Netzwerkfunk­tionen; Anlegen, Bearbeiten und Teilen gemeinsamer Literatur­listen; Vergabe von Tags, Annotationen und Kommentare; sowie Feeds, seien besonders der Mendeley Web Importer[16] sowie eine breite Palette an Empfehlungs- und Statistik­funktionen[17] hervorgehoben. Der Mendeley-Webserver dient gleichzeitig der, ggf. öffent­lichen, Ablage von Volltexten.

Weitere Programmentwicklungsteams nehmen sich an Kombinations-Entwicklungen, wie an dem vom Mendeley, ein Beispiel und adaptieren entsprechende Funktionalitäten für ihre Produkte. So hat beispielsweise der Projektdirektor von Zotero, Sean Takats, am 15. April 2010 im Zotero-Blog den Entwicklungsbeginn einer Einzelplatzversion des als Browserplugin gestarteten Literaturverwaltungstools, verkündet.[18]

Die Augsburger Autoren Stöber und Teichert zogen aus der Konvergenz der geschlossenen und (halb-)offenen  Systeme in ihrem Artikel resümierend den Schluss,

„dass die Arbeitsphilosophie (webbasiertes Arbeiten vs. Einzelplatzlösung; Teilen von Daten innerhalb einer Gruppe vs. Sammlung eines Einzelnen), die bislang ein wesentliches Kriterium bei der Entscheidung für eine Literaturverwaltungssoftware war, zunehmend unwichtiger wird. Entscheidend sind in dieser Konstellation eher Kriterien wie Benutzerfreundlichkeit, der gesamte Funktionsumfang, sowie das Preis-Leistungsverhältnis.“[19]

Dies scheint sich zu bestätigen…


[1] Vgl. Stöber, Thomas; Teichert, Astrid(2008). Webbasierte Literaturverwaltung. Neue Kooperationsformen und Anwendungsszenarien. B.I.T. Online 11 , Nr. 4, S. 407f.

[2] Vgl. Stöber/Teichert2008, S. 412.

[3] Vgl. RefWorks-COS (2010). RefWorks Online Help. Using Write-N-Cite To Write And Format Your Paper. URL: http://www.refworks.com/RefWorks/help/Installing_Write-N-Cite.htm.

[4] Vgl. Thomson Reuters (2010). EndNote. EndNote Network Product Infomation. URL: http://www.endnote.com/ennetworkinfo.asp.

[5] Nicht zuletzt auch deswegen, weil eine direkte Verbindung zum ISI Web of Knowledge, ein ebenfalls selbigem Verlag gehörendem, hochangesehenes Konglomerat von Zitationsdatenbaken, in das Produktportfolio aufgenommen wurde. Vgl. Thomson Reuters (2010). EndNoteWeb. Product Info. URL: http://www.endnoteweb.com/enwebinfo.asp.

[6] Vgl. Thomson Reuters (2010). EndNote. EndNote X3 New Features. URL: http://www.endnote.com/enx3info.asp/.

[7] Mendeley Ltd. (2010). Academic reference management software for researchers | Mendeley. URL: http://www.mendeley.com/.

[8] Die Investoren sind unter anderem Chairman Stefan Glänzer (früher bei Last.fm in gleicher Position und Funktion), Alejandro Zubillaga, (früherer Gründungsentwickler von Skype und Head of Digital Strategy bei Warner Music Group, außerdem  Wissenschaftler der University of Cambridge und Johns Hopkins University) Vgl. Wauters, R. (2009). Mendeley Snags $2 Million In Early-Stage Funding For Research Paper Management Tool. TechCrunch. URL: http://techcrunch.com/2009/02/25/mendeley-snags-2-million-in-early-stage-funding-for-research-paper-management-tool/.

[9] Mendeley Ltd. (2010). Organize research, collaborate & discover new knowledge | Mendeley. URL: http://www.mendeley.com/organize-research-collaboration/.

[10] Vgl. Heller, L. (2009). Green Road 2.0 – eine leise Revolution von Mendeley und Researchgate? Biblionik. URL: http://biblionik.de/2009/09/20/green-road-2-0/ sowie Jahn, N. (2009). Wer bezahlt das Grün? Und wem gehört es? Ein kritischer Blick auf Mendeley und ResearchGate. LIBREAS.Library Ideas – LIBREAS Referate. URL: http://libreas.wordpress.com/2009/11/04/wer-bezahlt-das-grun-und-wem-gehort-es-ein-kritischer-blick-auf-mendeley-und-researchgate/.

[11] Vgl. Mendeley Ltd. (2010). Mendeley Reviews | Mendeley. URL: http://www.mendeley.com/review/. Sowie Mendeley Ltd. (2010). Awards & Endorsements | Mendeley. URL: http://www.mendeley.com/awards-endorsements/.

[12] EndNote und RefWorks’ Write’N’Cite funktionieren unlängst auf  Apple-Rechnern. Citavi Mac ist in der Entwicklungsphase. Linux-Varianten ihrer Software bieten die drei Hersteller jedoch nicht an. Durch die Verwendung von Endnote Web oder die Zusatzinstallation von Applikationen Dritter, ist EndNote jedoch auch mittelbar unter Linux verwendbar.

[13] Ich greife hier und im Folgenden schwerpunktmäßig die wichtigsten Aspekte vor dem Hintergrund der Funktionsdarstellung auf der Produktwebsite heraus. Ferner fließen meine eigenen Erfahrungen in der Anwendung von Mendeley mit ein.

[14] In Mendeley Web kann man die wichtigsten Grundfunktionen der Literaturverwaltung ebenso nutzen

[15] Diese eignen sich auch zur exponierten Darstellung der eigenen Publikationstätigkeit.

[16] Das browser-übergreifend lauffähige Bookmarklet macht den One-Click-Import von Metadaten aus Websites sowie aus einer zunehmenden Anzahl wissenschaftlicher Datenbanken – derzeit sind es ca. 50 (Stand Mai 2010) – möglich. Dieser unterstützt das CoinS-Format und ist separat zu instal­lieren. Vgl. Mendeley Ltd. (2010). Import citations into your digital library using the Mendeley Bookmarklet | Mendeley. URL: http://www.mendeley.com/import/.

[17] An verschiedenen Stellen der Mendeley-Website wird man, sofern man eingeloggt ist, seinen Interessen entsprechend auf Literatur und andere Nutzer aufmerksam gemacht. Einige Beispiele: Es werden Rankings geboten, welche Literatur fachge­biets­bezogen am meisten gelesen und mit welchen Tags erschlossen wurden. Zum zweiten wird man, beim Aufrufen von Literaturreferenzen in der sogenannten Vollansicht, auf ähnliche Forschungsarbeiten hingewiesen. Neben dem Erhalt von Kontaktempfehlungen kann man sehen, welche Nutzer welche Literatursammlungen abonniert haben und so auf Peers stoßen.

[18] Vgl. Takats, Sean (15.04.2010). Standalone Zotero. Zotero Blog. URL: http://www.zotero.org/blog/standalone-zotero/.

[19] Vgl. Stöber/Teichert2008, S. 412.

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